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Miszellen Allerlei Wissenswertes und anderes aus den Bereichen Germanistik, Literatur, Philosophie, Technik, Kunst… von Valentin Abgottspon, Staldenried, Schweiz

30Jun/118

Mich persönlich betroffen machende Frechheit: Unwillkommen an der Diplomfeier

Ich habe mir jetzt einige Zeit überlegt, ob ich das hier thematisieren soll. Ich bin einigermassen aufgelöst, betroffen, zittrig. Ich habe mich entschieden, dass raus muss, was ich hier schreibe.

Ich will und muss diese Gedanken formulieren, und dass ich sie öffentlich zugänglich mache, mag von einigen Leuten vielleicht nicht verstanden werden. Aber ich hoffe, dass der eine oder andere Leser dadurch meine Gedanken und Beweggründe besser nachvollziehen kann. (Falls sich denn jemand hierher verirrt.)

Am Donnerstag, 30. Juni 2011 endet das Schuljahr an den deutschsprachigen Orientierungsschulen des Kantons Wallis. Am Nachmittag findet in der Turnhalle (mit Bühne) die Abschluss- und Diplomfeier der OS Stalden statt. Vor etwa zwei Stunden erhielt ich einen Telefonanruf der Schulpräsidentin, dass ich an dieser Diplomfeier nicht willkommen sei, dass «wir es nicht gerne sehen würden, wenn du da aufKREUZen [sic!] würdest», dass sie das insgesamt für störend halten würde...

Die Diplomfeier der Abschlussklassen wird jeweils grossteils von den Schülerinnen und Schülern selber gestaltet, zusammen mit der Schulleitung (die Präsidentin hält eine Rede und die Schuldirektoren auch, falls sie nicht einen Sketch spielen...) und den Klassenlehrern der Abschlussklassen. Es werden die Diplome überreicht, es wird zurückgeblickt, es gibt musikalische, schauspielerische, witzige Darbietungen. Es wird auch in die Zukunft geblickt und die Pläne (Lehre, weiterführende Schule...) der einzelnen Schüler werden vorgestellt. Die Diplomfeier habe ich stets als emotionalen und schönen Abschluss einer Lebensstrecke empfunden. Ich war stets dankbar, dass ich die Jugendlichen ein Stück weit auf ihrem Weg begleiten konnte und ihnen vielleicht etwas mit auf den Weg geben konnte. Natürlich lernen nicht nur die Schüler von den Lehrern, sondern auch die Lehrer von den Schülern, und dass sich die Wege trennen kann schon bisweilen dazu führen, dass man ein paar Tränen unterdrücken muss (was mir an den Abschlussfeiern bis anhin immer erfolgreich gelungen ist).

Auch mit meiner absoluten Lieblingsklasse, nämlich der 3. OSb aus dem Schuljahr 2009/2010 — eine solche glücklich zusammengewürfelte Truppe hat man nicht jedes Jahr, da war man tatsächlich Klassenlehrer und Begleiter und nur selten Dompteur... — hatte ich in deren Abschlussjahr ja keinen Unterricht (nur in der 1. und 2. Klasse). Es wäre aber wohl niemand auf die Idee gekommen, zu sagen, dass das dadurch nicht mehr «meine Schüler» gewesen wären. Die OS Stalden ist eine kleine, familiäre Schule. Auch mit den diesjährigen Abschlussklassen verbinden mich viele schöne Erinnerungen. Auch für die diesjähigen Abschliessenden war ich im ersten Schuljahr Klassenlehrer und hatte ein teils intensives Betreuungsverhältnis mit verschiedenen Schülerinnen und Schülern. Dass sie heute auf der Bühne stehen können und ein Diplom in Empfang nehmen dürfen, daran habe ich auch einen Anteil. Natürlich sind die Schüler für ihren Erfolg selber verantwortlich und haben selber die Arbeit hineingesteckt. Aber ich war zumindest auch daran mitbeteiligt und es freut mich aufrichtig für jede und jeden, der es geschafft hat, und einen weiteren Abschnitt auf seinem oder ihrem Lebensweg in Angriff nehmen darf. Mit vielen Schülerinnen und Schülern aus der diesjährigen dritten OS verbinden mich vielseitige Bande, erlebte Geschichten, Dinge, die gut gelaufen sind, aber auch Sachen, die nicht gut gelaufen sind, manchmal gingen sie mir auf den Geist, meistens ging wohl ich ihnen auf den Geist...

Auf meinem Schrank liegt übrigens immer noch eine volle Williams-Schnapsflasche [jaja, derart wenig subtil sind die Bestechungsversuche an Lehrern im Wallis :)], welche mir von Eltern geschenkt wurde, die ihr Kind 2008/2009 zwar nicht in meiner Klasse hatten, aber welches bei mir in den meisten Hauptfächern den Unterricht besuchte. Dieses Kind erhält heute auch sein OS-Diplom. Ein Elternteil dieses Kindes ist übrigens Mitglied der Schulkommission, welche für meine fristlose Entlassung verantwortlich zeichnet. Es ist also nicht so, dass meine Arbeit immer «nichts wert» gewesen wäre, dass diese verzerrte Wahrnehmung meiner Person schon vor 2010 bestanden hätte.
Dass mich die Schulpräsidentin jetzt von einer eigentlich öffentlich stattfindenden Diplomfeier ausladen will, das macht mich aufrichtig betroffen. Verdammt. Gerade eben war ich wieder recht aufgestellt, als ich im Kopf zurückgeblickt habe auf die Vergangenheit, und jetzt rumort es in mir wieder dunkler...

Ich habe übrigens in der Hitze des Wortgefechts zu fragen vergessen, wer denn das «Wir» in «Wir sähen es nicht gerne, wenn du kommen würdest.» sein soll. Allenfalls ein pluralis majestatis? Oder «Wir, die Schulkommission», «Wir, die gesamte Bevölkerung der Region»...?

Wieso schreibe ich das hier?

Ich habe mir das auch überlegt. Erstens weil mich das jetzt gerade sehr beschäftigt. Ich war kein bisschen nervös als ich vor einer halben Million Zuschauer im Schweizer Fernsehen zu erscheinen hatte. Ich habe nicht gezittert, ich war ruhig. Aber heute hat es mir bisweilen fast die Stimme verschlagen ob der Dreistigkeit dieser Forderung. Ich habe versucht, zu verstehen... Ist sie tatsächlich der Meinung, dass sie richtig gehandelt habe? Schätze ich die Stimmung im Lehrkörper und bei der Bevölkerung derart fehlerhaft ein? Was denkt sie sich? Dass ich da auf die Bühne stürmen würde und die Kommissionsmitglieder beleidigen würde!?

Zweitens: Ich formuliere hier meine Gedanken, dass ich sie los bin. Mag der eine oder die andere aus der Region hier das alles lesen. Ich erwarte nicht, dass alle Eltern und Angehörigen verstehen, wieso ich an der Feier teilnehmen will, aber es soll gesagt sein, dass ich nicht da hin gehe um zu provozieren oder eine schlechte Stimmung zu verursachen. Ich werde brav hinten sitzen und mir die Darbietungen ansehen. Und ich werde mich freuen, meine Schülerinnen und Schüler wieder zu sehen und meine Lehrerkollegen.

Vielleicht kann die Schulpräsidentin wirklich nicht verstehen, wieso ich an die Diplomfeier kommen will. Aber mir liegen die Menschen halt mehr am Herzen als das Image der Schule. Ich weiss mittlerweile, dass sie denkt, dass der Ruf «ihrer» Schule leide, wenn sich eine Lehrperson offen säkular äussert. Mir ist eigentlich schon klar, dass die Kommissionsmitglieder nicht gerne an ihre Überreaktion, an eine missbräuchliche Kündigung, an Verleumdungen, an Schutzbehauptungen, an juristische Winkelzüge und erteilte Maulkörbe erinnert werden wollen. Aber ich denke, dass die Kommissionmitglieder mittlerweile auch dann, wenn ich nicht in ihrer Nähe bin, über solche Sachen nachdenken und zu ihrem Schluss gekommen sind. Sie müssen mit ihrer Entscheidung selber klar kommen. Da muss ich nicht Rücksicht auf ihr Gewissen nehmen und einer Diplomfeier fern bleiben. Dass die Schulkommission den Weg des vermeintlich geringsten Widerstandes eingeschlagen hat, war nicht meine Entscheidung. [Übrigens, aber das ist jetzt reichlich zynisch formuliert: Es scheint, dass es im Wallis tatsächlich ein Weg mit geringem Widerstand von politischer, gesellschaftlicher, juristischer Seite sei, wenn man sich in Sachen Neutralitätspflicht des Staates in religiösen Belangen, wenn man sich gegen die Laizität stellt und in diesen Bereichen die Verfassung verletzt. Ich zitiere hier wiederum, wie vorgestern in einer Zusammenfassung zum Geschehen, aus dem Rechtsgutachten:]

Wird das Ansehen der Schule aber dadurch in Frage gestellt, dass auf verfassungswidrige Praktiken der Schulbehörden hingewiesen wird, liegt das rechtmässige Mittel zum Schutz des Ansehens nicht in der Einschränkung entsprechender öffentlicher Äusserungen, sondern in der Herstellung verfassungskonformer Zustände.

Ich habe der Schulpräsidentin übrigens klar gemacht, dass ich es für eine Frechheit halte, dass sie mir verbieten will, an der Abschlussfeier meiner Schülerinnen und Schüler teilzunehmen. Sie hat dann gesagt, dass das ja nicht mehr meine Schüler seien... Ich habe ihr am Telefon mitgeteilt, dass ich es mir noch überlegen werde, ob ich teilnehmen werde.

So. Das musste raus. Und jetzt werde ich mich gleich auf den Weg machen. Zur Diplomfeier.

26Apr/110

Wallfahrt à la Abgottspon: Chaschtolegga, Stalden

Zuweilen gehe ich gerne joggen, denn mein Körpergewicht nähert sich gefährlich dreistelligen Werten. (Unglück, Niedergeschlagenheit, Frustration ob erfolgloser Arbeitssuche, psychischer Druck, Frustfressen...) Und da ich über keinerlei Seele verfüge und fürs Fussballspielen dann doch einigermassen fit sein möchte, trage ich halt ab und an Sorge für meinen Körper. Eine angenehme Joggingstrecke ist jene von Zur Kirche (Dorfteil, in welchem ich wohne) Richtung Chaschtolegga.

Die Chaschtolegga/Chastolegga liegt auf dem Boden der Gemeinde Stalden. Man erzählt sich in Staldenried übrigens immer noch die Geschichte, dass den Staldenriednern der ganze Thelwald von den Staldnern geklaut wurde. Von besoffen gemachten Gemeinderäten wird da geraunt, von schlauen, gerissenen Staldnern, welche die Rieder übers Ohr gehauen hätten, von etwas dümmlichen Rieder Gemeinderäten, welche im Rausch Verträge unterzeichnen. Aber das ist (vielleicht, wenn überhaupt) Geschichte.

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In der sich auf der Chaschtolegga befindenden Kapelle befindet sich ein Gästebuch, in dem Notizen und Gedanken hinterlassen kann.