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Miszellen Allerlei Wissenswertes und anderes aus den Bereichen Germanistik, Literatur, Philosophie, Technik, Kunst… von Valentin Abgottspon, Staldenried, Schweiz

11Jan/151

Ist es vernünftig, an Gott zu glauben?

Die Frage des Melchior-Magazins wurde von mir (einem Freidenker), einer Philosophin (ich selber bin übrigens auch Philosoph) und einem Theologen beantwortet. Melchior ist ein (religiöses) Magazin, das in einer Auflage von 28'000 Exemplaren in Österreich, Deutschland und der Schweiz erscheint.

Bildschirmfoto 2014-11-03 um 10.46.44

Hier meine Antwort:

Ja, es ist unvernünftig, an Gott zu glauben.

Die Frage aber pauschal und undifferenziert mit Ja oder Nein zu beantworten, ist freilich etwas unbefriedigend. An welchen Gott sollte denn geglaubt werden? An Jahwe, an das Fliegende Spaghettimonster, an Allah, Zeus oder Cthulhu, eine Göttin gar? An einen fast nicht kritisierbaren, unfassbaren Urgrund? An ein erstes Anstosser- Prinzip, einen unbewegten Erstbeweger? Es war Dietrich Bonhoeffer, der pointiert formulierte, dass es einen Gott, den es gäbe, nicht geben könne. Entweder wird der Gott also angreifbar und konkret oder er bleibt nebulös und eine Diskussion über seine Eigenschaften wird sinnfrei. Poesie und Mutmassung sozusagen. Falls es jedoch um einen recht konkreten, personalen Gott gehen soll, der das nahezu unermessliche Universum geschaffen hat, der dann aber angeblich ein Interesse daran haben soll, ob Jugendliche masturbieren oder dass (Katholikinnen und) Katholiken, welche in Scheidung und in einer neuen Partnerschaft leben, zur Kommunion gehen... , dann finde ich es sehr unvernünftig, an einen solchen Gott (pointiert gesehen – ein Gott à la Katholizismus und gemäss anderen Monotheismen) zu glauben.

Und was ist denn unser Begriff von Vernunft? Es kann durchaus in gewissem Sinne vernünftig sein, dass eine Person in bestimmten Momenten Geborgenheit in einem Gottglauben spürt oder spüren will. Dass eine solche, von mir so gesehene, Illusion einigen Leuten hilft, bezeugt aber nicht, dass ein Gott existiert. Ich persönlich möchte mein Leben so führen, dass ich meine Lebensgrundlagen nicht auf Unbeweisbares baue. Das scheint mir tatsächlich möglichst vernünftig.

Ein sinnvolles, gutes, erfülltes und erfüllendes Leben ohne Gott und die Vorschriften jener, die sich als Gottes Stellvertreter und Sprachrohre auf Erden ausgeben, ist möglich. Es wird von einer rasch wachsenden Zahl von Menschen praktiziert. Viele davon halten es für unvernünftig, an Gott zu glauben. Sie sind deshalb aber nicht ohne Mitgefühl. Das Gegenteil von 'rational' ist nämlich nicht 'emotional', sondern 'irrational'.

MelchiorVA

Hier inklusive Fragestellung und der Philosophen- und Theologen-Antwort. Auch bei Scribd.

Das komplette Heft kann man hier lesen.

8Mrz/111

Domherrlich falsche Dichotomie: Gott als Massstab oder Mensch als Gott

Am 5. März 2011 erschien auf der Seite 4 des Walliser Boten (Text weiter unten) in der Rubrik «Wort und Antwort» ein Text des Generalvikars und Domherren Richard Lehner. In der WB-Rubrik «Wort und Antwort» erhalten jeweils Geistliche, Priester, Ordensleute etc. die Gelegenheit, ihre Ansichten darzustellen.

Schon der implizite Schritt, dass, wer nicht etwas oder jemand Anderes, Grösseres als Mitte seines Lebens anerkenne, sich deshalb sebst zur Mitte erkläre, ist logisch nicht einwandfrei. Vielleicht ist er auch rhetorisch unlauter und aus taktischen Erwägungen hingeschrieben worden. Wer das Bild und die Idee eines (personalen) Gottes ablehnt, und sein Leben nicht nach derlei unbeweisbaren Annahmen auszurichten gewillt ist, erklärt sich dadurch nicht zwangsläufig sebst zur (einzigen, absoluten) Mitte (seines eigenen Lebens). Es existieren viele Lebensentwürfe, welche auf Übernatürliches verzichten und trotzdem nicht etwa in Egoismus münden. Dem Schritt, dass wer Gott ablehnt, sich selbst zur Mitte erklären muss, ist also nicht zwangsläufig zu folgen. Folgen wir aber auf dem argumentativen Weg trotzdem etwas weiter.

Und weiter geht es tatsächlich mit Siebenmeilenstiefeln: Wer sich selbst zur Mitte erkläre, sei auf Besitz und Macht ausgerichtet, ja mache sich selbst gar zur Göttin oder zum Gott seiner oder ihrer eigenen Welt. Vielleicht ist es für Lehner schwerlich vorstellbar, dass es Menschen gibt, die ohne diese Begriffe auskommen. Wer die Idee eines personalen Gottes ablehnt, muss nicht zwangsläufig sich selber an jene Stelle setzen, welche dieser personale Gott bei gläubigen, religiösen Menschen einnimmt. Man kann auf diese Annahmen und Gottesbilder verzichten, es entsteht dadurch keine Lücke. Und es muss auch nicht eine Ausrichtung auf Besitz und Macht erfolgen. Das eigene Glück, das Glück der Mitmenschen, Familie, der Mitwelt, das Abwenden und Reduzieren von Leid der Anderen, das Streben nach Wissen und Verbesserung der Welt und der darin herrschenden Zustände... solche Ziele vermögen einem Leben einen Sinn zu verleihen, ganz unabhängig von übernatürlichen Göttern. Säkulare Menschen tun Gutes übrigens um des Guten willen. Und nicht etwa, weil sie auf eine Belohnung in einem anderen Leben hoffen; nicht, weil ein (und hier ist es einerlei ob übernatürlicher oder inkarnierter) Gott dieses Verhalten will.

Die Gegenüberstellung der angeblich möglichen zwei Alternativen:

I) ein bescheidenes, demütiges Leben im Bewusstsein und Schutz einer höheren Macht

versus

II) ein Leben, in dem sich der Mensch selber zum Gott erhebt (Hybris, homo mensura...)

ist schlicht eine falsche Dichotomie. Es bestehen nicht einfach nur diese zwei Möglichkeiten, es existieren auch noch andere (Zwischen-?)Stufen.